Mit Navi-Apps auf Wanderschaft

Wenn man nichts oder nur wenig sehen kann, dann sind die Navi-Apps für die Mobilität eine unentbehrliche Hilfe. Auf welche Weise sie uns beim Wandern unterstützen, erfährst du in diesem Bericht.

Seit vielen Jahren gemeinsam unterwegs

Die wöchentlichen Montagswanderungen haben für Roger und mich eine lange Tradition. Wir haben uns in der Apfelschule kennen gelernt. Roger sieht noch ein Bisschen und ich bin blind. So liegt es auf der Hand, dass wir von Anfang an bestrebt waren, bei der Planung und Durchführung unserer Wanderungen die verfügbaren Apps so weit wie möglich einzusetzen. Wir konnten dadurch viele Erfahrungen sammeln – Erfolgserlebnisse gehören ebenso dazu, wie Enttäuschungen. Doch wie wir alle wissen, bleibt die Entwicklung auf dem Gebiet der Apps nicht stehen. Es gibt Verbesserungen, neue Anwendungen kommen hinzu – und manchmal – das gibt es leider auch – klappt etwas plötzlich nicht mehr so problemlos wie zuvor! Darum ist dieser Bericht auch kein abschliessender Bericht, sondern eine Bestandsaufnahme im Frühjahr 2021. Doch wie ihr den weiteren Ausführungen entnehmen könnt, leisten die verfügbaren Navi-Apps bereits heute im grossen Ganzen eine erstaunlich präzise und zuverlässige Unterstützung, so dass wir uns Woche für Woche an neuen Wanderungen erfreuen können.

Die aktuell eingesetzten Apps

Nebst Google Maps und der Karten App, die wir für die Anzeige der Anreise-Route  mit dem ÖV einsetzen, verwenden wir regelmässig die Apps Komoot, Outdooractive und MyWay Pro. Während wir mit Komoot und Outdooractive die Wanderungen planen, das heisst die Wanderrouten berechnen lassen, setzen wir MyWay Pro schwergewichtig für die Routenführung und gelegentlich für die Navigation zu einer ÖV-Haltestelle ein. Auf den Wanderungen selber lassen wir meist 2 Anwendungen parallel laufen und erhalten so eine optimale Führung.

Die Planungs- und Vorbereitungsphase

Die Ideen für unsere Wanderungen stammen aus verschiedenen Quellen: Es gibt Gegenden, auf die wir selber neugierig sind. Sowohl in Komoot, wie auch in Outdooractive gibt es für jede Region diverse Wandervorschläge, die man telquel übernehmen kann. Finden wir keine passende vorgefertigte Route, erstellen wir selber eine, indem wir Start- und Zielort in die entsprechenden Felder eingeben. Leider können wir mit der angezeigten Routenführung auf dem Kartenausschnitt auf dem iPhonebildschirm nicht viel (und ich selber schon gar nichts) anfangen. Immerhin lassen sich auf für uns die Routenlänge, die benötigte Zeit, die zu überwindende Höhendifferenz und die Klassifizierung und Beschaffenheit der Wege ablesen. Und diese Angaben genügen für gewöhnlich.  Allenfalls können wir durch Einfügen von zusätzlichen Wegpunkten die Routenführung noch ändern. Und wenn wir gar nicht überzeugt sind, versucht Roger mit dem iPad unter dem Fernsehlesegerät die Route noch manuell zu optimieren.

Sowohl Outdooractive wie auch Komoot verfügen über die Möglichkeit, die erstellten Routen als GPX-Datei zu exportieren und mit andern Anwendungen zu teilen. Dies ist wichtig, Damit wir auch MyWay  Pro für die Navigation auf diesen Routen einsetzen können.

Eine Route im GPX-Format ist eine Datei, in welcher alle wichtigen Angaben für eine Route gespeichert sind, wie Name, Länge, die einzelnen Wegpunkte mit ihren Koordinaten und Höhenangaben usw. Und da die Darstellung dieser Angaben einem Standard entsprechen, , können diese Dateien von vielen Navigationsanwendungen gelesen und verarbeitet werden, so auch von allen Apps, die wir bei unseren Wanderungen einsetzen.

Theoretisch könnten wir für die Planung einer Route auch MyWay Pro einsetzen. Doch die Erfahrung zeigt, dass in der Regel nicht eine Strecke gewählt wird, wie sie von uns bevorzugt wird. Wir wollen ja wandern, und darum soll die Route wenn immer möglich die Wanderwege berücksichtigen. Und dies ist bei Outdooractive und Komoot gewährleistet, denn das sind Apps, die speziell für Wander- und Fahrradaktivitäten entwickelt worden sind.

Die fertig erstellte Route speichern wir dann ab uns exportieren sie als GPX-Datei, die wir via Mail, Nachrichten,Whattsapp oder Air-Drop unter einander teilen und in MyWay Pro einfügen.

Am Start

Bevor wir los wandern stellen wir sicher, dass wir beide die aktuelle Route in den von uns einzusetzenden Navi-Apps geladen haben.

Die aus Komoot oder Outdooractive exportierten GPX-Dateien beinhalten sehr viele Wegpunkte. Das mag für die kleinräumige Navigation nützlich sein, aber für die Navigationsunterstützung durch MyWay Pro sind es eindeutig zu viele Punkte. Man würde mit Navigationshinweisen geradezu eingemüllt. Darum müssen wir vor dem Start die Punktezahl in MyWay Pro noch reduzieren. Zu diesem Zweck ist in MyWay in der Routenübersicht eine einfach zu bedienende Funktion eingebaut. Dies getan, sind wir startklar und es kann los gehen!

Nicht immer verwenden wir auf unseren Wanderungen dieselben Apps. Roger kombiniert häufig Komoot und MyWay Pro, während ich im Moment Outdooractive und MyWay Pro bevorzuge. Die eine App läuft im Vordergrund, die andere im Hintergrund. Um unsere Akkus zu schonen, sperren wir nach dem Start der Apps den Bildschirm.

Sowohl in Komoot wie auch in Outdooractive haben wir die sprachlichen Navigationsanweisungen aktiviert. Bei MyWay haben wir die Häufigkeit der Sprachausgabe auf 1/3 eingestellt, das heisst, dass wir über die Richtung und Distanz zum nächsten Punkt auf unserer Route stets informiert werden, wenn sich die Distanz um einen Drittel verkürzt hat. Und da die Routenpunkte bei geraden Strecken weiter auseinander liegen, als bei kurvigen Abschnitten, passt sich die Häufigkeit der Ansagen den Erfordernissen des jeweiligen Wegabschnittes an.

Multiple Navigationsunterstützung

Die erste Herausforderung, die sich zu Beginn einer Wanderung stellt, ist es, den vorgegebenen Startpunkt zu finden und die einzuschlagende Gehrichtung festzustellen. Dabei hilft uns in erster Linie MyWay. Wenn wir unser iPhone horizontal halten, können wir mittels horizontalem Schwenken die einzuschlagende Richtung eruieren. Das iPhone gibt ein Tonsignal ab und vibriert, sobald es in die richtige Richtung zeigt. Gleichzeitig wird die Richtung und Distanz zum nächsten Routenpunkt auch sprachlich angesagt. Zur Bestätigung weisen uns Komoot und Outdooractive beispielsweise sprachlich an: „Folge der Bahnhofstrasse 60 Meter in nordöstlicher Richtung“. Einmal auf dem richtigen Weg, können wir unsere iPhones in die Jackentasche oder die Brusttasche unseres Hemdes versorgen und uns von den sprachlichen Anweisungen führen lassen. Während Komoot und Outdooractive sich bei langen Strecken ohne Abzweigung beispielsweise auf die Ansage beschränken: „Folge dem Weg 1,9 Kilometer“, bestätigen uns die Meldungen von MyWay in kürzeren Abständen, dass wir immer noch auf der richtigen Route sind. Die Abzweigungen werden uns von Komoot und Outdooractive zuverlässig sprachlich angesagt, zum Beispiel „in 30 Metern scharf rechts abbiegen“ und dann noch einmal bei der Abzweigung selber „Jetzt scharf rechts abbiegen“. „Scharf bedeutet, dass die Abzweigung mehr als 90 Grad beträgt. Die entsprechende Information von MyWay lautet denn auch „Danach weiter in Richtung 4 Uhr“. Die Richtungsangabe bei MyWay erfolgt analog dem 12-Stunden-Zifferblatt. Und sollten wir einmal nicht ganz sicher sein, welchen Weg es nun tatsächlich einzuschlagen gilt, dann nehmen wir unser iPhone hervor, halten es waagrecht und lassen uns durch das Tonsignal und die Vibration die richtige Richtung anzeigen. – Und dazu muss nicht einmal der Bildschirm aktiviert werden.

Als speziell hilfreich erachte ich es, dass Outdooractive auch die Strassenüberquerungen ansagt, zum Beispiel „In 30 Metern die Strasse überqueren“. Und dabei berücksichtigt die App nicht bloss die Hauptstrassen, sondern manchmal sogar kleine Feldwege. Auch die Anweisung „In 30 Metern links über die Brücke gehen“ ist eine hilfreiche Information. Aus diesen Beispielen wird ersichtlich, weshalb wir die parallele Verwendung zweier Navi-Apps als zweckmässig ansehen.

Trotz Problemen immer ans Ziel

Es wäre nicht richtig, hier zu verschweigen, dass es mit unseren Navi-Apps nicht immer reibungslos klappt. Oft mussten wir anhalten, wieder ein Stück zurück gehen, nach Fehlern suchen und die Apps erneut starten.  Die Apps warnten uns auch nicht vor Weidezäunen, morastigen Wegabschnitten oder eingestürzten Biberbauten. Doch schliesslich kamen wir immer heil ans Ziel. Insbesondere während der Entwicklungsphase von MyWay hatten wir lange mit grossen Problemen zu kämpfen. Heute läuft die App in der von uns verwendeten Funktion sehr stabil. Dennoch haben wir noch gewisse Verbesserungswünsche an die Entwickler. Bei Komoot und Outdooractive ist es die Zugänglichkeit mit VoiceOver, die uns manchmal Kopfzerbrechen bereitet. Beide Apps sind nicht in allen Punkten barrierefrei. Doch wir finden immer wieder Wege, wie wir die Apps für unsere Bedürfnisse zweckmässig einsetzen können. Und eines darf nicht unerwähnt bleiben: Wir haben viel, sehr viel gepröbelt und geübt, bis wir heute soweit sind, dass wir unsere Montagswanderungen einigermassen routiniert planen und von den eingesetzten Apps zuverlässig geführt, auch  geniessen können.

   Fazit

Nebst der Entspannung und manchmal auch einer sportlichen Herausforderung sind unsere Montagswanderungen nach wie vor eine willkommene Gelegenheit, die uns blinden und sehbehinderten Menschen zur Verfügung stehenden Orientierungs- und Navigationshilfen auszuprobieren und auszureizen und – das ist ganz wichtig – uns über jeden Fortschritt zu freuen. Denn es steht ausser Zweifel, dass sie ein grosses Potential haben, uns neue Wege und damit auch neue Welten zu erschliessen.

Hinweise

Roger und ich sind gerne bereit, unsere Erfahrungen mit euch zu teilen. Nutzt doch für eure Fragen oder eure ergänzenden Anmerkungen das untenstehende Kommentarfeld.

Eine sehr empfehlenswerte Möglichkeit, mit den verschiedenen Navi-Apps vertraut zu werden und ihre Handhabung in der Praxis einzuüben, sind die von der Apfelschule angebotenen Navi-Kurse. Erfahrungsgemäss sind sie nicht nur lehrreich, sondern bereiten auch eine Menge Spass! Also, zögere nicht und melde dich heute noch an. Hier ist der Link zu den nächsten Kursen.

Themenkurse der Apfelschule

Und schliesslich gibt es auf der Internetseite der Apfelschule auch Anleitungen, die dir beim Kennenlernen und Ausprobieren der einzelnen Apps behilflich sein können, zum Beispiel: Mit Komoot auf Wandertour

Und jetzt wünsche ich dir viel Freude beim Wandern. Und, wer weiss, vielleicht sehen wir uns ja schon bald an einem Apfelschule-Kurs und entdecken gemeinsam neue Wege und neue Freiheiten!

 

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