Ray-Ban Meta – meine erste Erfahrung mit der smarten Brille

Die Brille aufsetzen und los wandern und dabei sicher geführt werden. Das ist schon lange mein Traum. Ein kleines Stück weit ist dieser Traum jetzt Realität geworden!

Urs Kaiser testet die smarte Sonnenbrille von Ray-Ban. Durch die in die Brille eingebaute Kamera lotstihn eine sehende Person, die via Video-Call mit ihm verbunden ist, durch die belebte Altstadt von Solothurn.
Légende: Urs Kaiser testet die smarte Sonnenbrille von Ray-Ban. Durch die in die Brille eingebaute Kamera lotst
ihn eine sehende Person, die via Video-Call mit ihm verbunden ist, durch die belebte Altstadt von Solothurn.

Es ist ein wenig wie Weihnachten! Ich habe von der Apfelschule eine smarte Brille geschenkt erhalten. Dies als Dankeschön dafür, dass ich regelmässig Tips und Anleitungen auf der Apfelschule-Homepage veröffentliche.  Ich mache das grundsätzlich ja gerne, und dennoch freut mich dieses unerwartete Geschenk ausserordentlich! Und so folgt denn hier auch postwendend mein Bericht!

Bei der neuen smarten Brille handelt es sich um die Meta Skyler von Ray-Ban. Und die erste Überraschung kam bereits nach dem Auspacken. Ich hatte ein etwas klobiges und Schweres erwartet, und zum Vorschein kam eine sportliche leichte Sonnenbrille – nicht einmal 50 Gramm schwer. Dass es sich um eine smarte Brille handelt, sieht man ihr auf den ersten Blick gar nicht an. Auf der Frontseite befinden sich in den beiden oberen Ecken je eine kleine kreisrunde Scheibe mit ca. 5 mm Durchmesser. Links ist es die Kamera und rechts eine Led-Leuchte, die bei laufender Kamera blinkt. Daneben hat es auf der Innenseite des linken Bügels einen unauffälligen kleinen Ein-/Aus-Schalter und  auf der Oberseite des rechten Bügels eine schmale längliche Drucktaste und die Aussenseite des Bügels ist ein Touchpad, ohne dass man allerdings optisch etwas davon wahr nimmt. Und das ist schon alles Technische. Und natürlich funktionieren beide Bügel als Knochenleitlautsprecher und ihr Klang ist erstaunlich gut. Doch nun zum Wesentlichen! Kann ich mich nun mit dieser Brille so fortbewegen, dass jemand durch mein Kameraauge schauen und mich auf meinem Weg begleiten kann.  Ja, grundsätzlich geht das und es hat bei meinem ersten Test auch recht gut funktioniert. Und so sah mein Testlauf aus:

Zum Interdiscount und auf Umwegen zurück

Mit meinem ebenfalls pensionierten Bruder habe ich vereinbart, dass er mich nach dem Mittagessen kurz für einen Einkauf beim Interdiscount begleitet. Wohl verstanden, er sass zu dieser Zeit bei sich zu Hause auf dem Friedlisberg im Kanton Aargau. Ich weiss gut, wo sich der Interdiscount in Solothurn befindet. Doch der Weg durch die Fussgängerzone gleicht manchmal einem Spiessrutenlauf um all die Reklameschilder, Kleiderständer, Restaurant-Aussenbestuhlungen und abgestellten Fahrräder herum. Und auch die Ladentür in der Häuserfront zu finden, ist nicht ganz einfach. So setzte ich denn meine Brille auf und rief meinen Bruder per Whatsapp-Videocall an. Durch das Aufsetzen der Brille erfolgte die Audioübertragung automatisch über die Brille und Durch zweimaliges kurzes Drücken auf die Aufnahmetaste auf dem oberen Rand des rechten Bügels wurde nun auch die Kamera meiner Brille aktiviert. Mein Bruder konnte nun auf seinem PC sehen, was sich in meinem Blickfeld befindet. Und dass das tatsächlich funktioniert, erfuhr ich schon bald, denn bereits nach wenigen Metern meldete mein Bruder: «Achtung, da steht ein Container auf dem Trottoir». Und richtig! Es ist ja Dienstag und da stellt das Hotel «La Couronne» jeweils den Abfallkontainer auf dem Trottoir für die Abfuhr bereit. Also, gut darum herum gelotst und schon warnt er mich vor einem weiteren Hindernis, ein Pflanzentrog, mit welchem das Hotel seine Sommerterasse abgrenzt. Die nächste Warnung betraf einen Treppenvorsprung, an dem ich gefährlich nahe vorbei ging. Danach folgten zwei Kleiderständer. Zwischendurch kamen auch bekräftigende Hinweise wie «Vor dir ist alles frei» oder ortsbezogene wie «rechts von dir ist der ‘Cheschtelemuni’». Das Auffinden des Eingangs zum gesuchten Geschäft war mit seiner Hilfe überhaupt kein Problem. «Ein Bisschen mehr rechts» und schon war ich drin. Im Geschäft kam sofort ein Verkäufer zu Hilfe. Den Versuch, mich in einem Ladenlokal mit Videounterstützung zurecht zu finden, werde ich ein anderes Mal unternehmen. Auf einem Umweg gings dann wieder zurück nach Hause. Vor dem Eingang wollte ich von meinem Bruder noch wissen, welchen Klingelknopf ich drücken müsste, wollte ich bei mir zu Hause klingeln. «Der zweitoberste Knopf rechts» lautete prompt seine Antwort. Und ob er im Eingangsbereich sehen könne, wo sich der Lift befinde? «ja, Hinten rechts», und dann wurde die Verbindung unterbrochen.

Ein erstes Fazit

Dieser erste Test hat zweifellos Spass gemacht. Doch ich lasse mich davon nicht unkritisch blenden. Immerhin müssen eine ganze Reihe von Voraussetzungen erfüllt sein, dass so etwas gut klappt. Als erstes muss eine gut sehende Person zur Verfügung stehen, und zwar genau dann, wenn man sie braucht. Doch – so mögen einige einwänden – zu diesem Zweck gibt es doch BeMyEyes, die App, mit welcher man jederzeit sehende Hilfe anrufen kann! Ja, das dachte ich mir auch. Aber das funktioniert mit der Ray-Ban-Brille vorerst nur in den USA, Kanada, Australien und England. Denn für die Nutzung dieser Möglichkeit ist Meta.AI erforderlich, und dieser Dienst ist vorderhand für Europa aus datenschutzgründen gesperrt. Es ist zwar in der App die Möglichkeit eingebaut, dass man die Verwendung der Daten ablehnen kann, doch das genügt den Datenschützern nicht. Sie fordern, dass man aktiv zustimmen können muss. So bleibt abzuwarten, wann und ob überhaupt Meta.AI für Europa freigegeben wird. Bei allem Verständnis für den Datenschutz bedaure ich diese Blockierung. Doch selbst wenn Be My Eyes dereinst verfügbar sein sollte, bleiben noch andere Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, damit es mit der Video-Fernnavigation klappt. So braucht es eine gute Internetverbindung und eine ausreichend deutliche Bildübertragung. Dann ist zu beachten, dass die in der Brille verbauten Akkus für rund 3 Stunden Videoübertragung reichen, und danach muss die Brille wieder zum Aufladen ins Etui.   und dann ist da natürlich auch noch der Preis der Brille. Je nach Händler liegt dieser zwischen 400 und 700 Franken. Mit Black-Week-Rabatt kostete die meine Fr. 359.00.

Zugegeben: Ein ähnliches Experiment liesse sich auch ohne smarte Brille durchführen, einfach mit dem iPhone vor der Brust. Es gibt zu diesem Zweck spezielle Hüllen mit einer Kordel, die man sich um den Hals legen kann. Doch mit der Kamera in der Brille entspricht der Bildausschnitt jeweils exakt der Ausrichtung meiner Augen. Und das kann ich , obwohl ich blind bin, ganz einfach und natürlich mit meinen Kopfbewegungen steuern. Und die Brille sitzt sehr gut und die Verständigung via Brille klappt hervorragend. Und ich habe meine Ohren frei für die Klänge und Geräusche meiner Umwelt.

Weitere nützliche Verwendungszwecke

Da die Brille unsichtbar mit Mikrophonen und mit schalleitenden Bügeln ausgestattet ist, kann ich sie beispielsweise auch ganz gut für gewöhnliche Telefongespräche nutzen, sei es mobil oder via Whatsapp.  Zum Starten oder Beenden des Anrufs kann ich einfach doppelt auf die Aussenseite des rechten Bügels (Touchpad)  tippen. Oder ich kann auch die Sprachsteuerung verwenden. Leider versteht und spricht die Brille zur Zeit nur englisch, französisch oder italienisch, aber nicht deutsch. Die englischen Sprachbefehle sind aber einfach zu lernen.  Und immerhin kann ich bei einer Sprachnachricht, die ich ebenfalls mit der Brille handfrei ausführen kann, so reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Dass man mit der Brille Fotos und Videos aufnehmen kann, versteht sich. Und das kann man auch, wenn man nicht mit dem iPhone verbunden ist. Ein Druck auf die Taste auf dem rechten Bügel oder ein Sprachbefehl genügt. Das Codewort für den Sprachbefehl lautet übrigens «Hey Meta»! Ferner kann ich mit der Brille auch Musik oder andere Audioaufnahmen hören oder ich kann sie ganz einfach als Kopfhörer für die iPhonebedienung mit VoiceOver nutzen.

Koppelung und Konfiguration

Zum Schluss noch etwas zur Inbetriebnahme. Um die Brille nutzen zu können, benötigt man die App Meta View. Diese kann kostenlos vom App Store herunter geladen werden und ist mit VoiceOver gut zu bedienen. Was das Verbinden der Brille mit dem iPhone anbelangt, gibt es im Internet gute Anleitungen, die Schritt für Schritt angeben, wie man vorgehen muss. Ein Link dazu befindet sich am Schluss dieses Beitrags. Mit Hilfe dieser Anleitung ist es durchaus möglich, die Brille ohne fremde Hilfe in Betrieb zu nehmen. Man muss dabei zu Beginn der Prozedur halt einfach blindlings darauf vertrauen, dass die blaue Led jetzt leuchtet! Bevor man loslegen kann, muss man der Brille noch verschiedene Zugriffsrechte geben, zur Kamera, zum Mikrophon und, wenn man die Brille auch zum Telefonieren nutzen will, auch zu den Kontakten. Ich habe auch die Verwendung von Whatsapp aktiviert und kann nun mit der Brille auch Whatsapp-Anrufe tätigen und Nachrichten versenden.

Austausch erwünscht!

So viel mal für den Anfang. Ich werde mich wieder melden, sobald ich über mehr Erfahrung verfüge. Und wenn du auch eine solche Brille besitzt oder eine andere smarte Brille, dann berichte doch ebenfalls darüber. Ich bin überzeugt, dass wir gerade auf dem Gebiet der Bilderkennung noch grosse Fortschritte erleben werden und sich daraus für  unsere Orientierung und Mobilität ganz neue Perspektiven ergeben. Und darum ist es wichtig, dass wir uns gegenseitig stets auf dem Laufenden halten.

Nützliche Links:

Anleitung zur Inbetriebnahme der Ray-Ban Smart Glasses

Hinweis

Am 16. Januar hast du Gelegenheit, die smarte Brille von Ray-Ban im Rahmen einer Präsentation näher kennen zu lernen. Diese findet in den Räumlichkeiten der Stiftung David Dienst Schweiz, Bahnhofstrasse 67, 5001 Aarau statt und hier ist der Link zur Anmeldung: