ScribeMe – eine KI App mit Live-Unterstützung

Meine Erwartungen an eine assistive KI sind ganz klar: Sie soll mir Informationen vermitteln, bei der Orientierung helfen und mich vor Gefahren warnen. Wie weit ist ScribeMe dazu in der Lage?

Die von mir bislang getesteten Apps können zwar Texte gut lesen, die Umgebung beschreiben und mich mehr oder weniger genau an ein vorgegebenes Ziel navigieren. Sie können aber keine Aufträge entgegen nehmen, wie zum Beispiel«Warne mich, wenn sich ein Hindernis vor mir befindet» oder «Führe mich zum Eingang der Bäckerei».

Genau dazu soll jedoch die App ScribeMe  gemäss Beschreibung in der Lage sein. «Erlebe die Welt in Echtzeit, während sie geschieht» lautet der Werbeslogan. Und so war ich natürlich gespannt, auf welche Weise und wie zuverlässig mich die App auf meinen Wegen draussen in der Stadt tatsächlich unterstützt. Und damit du, lieber Leser, liebe Leserin an meinen Tests auch partizipieren kannst, habe ich von meinen Erkundungen Tonaufnahmen gemacht, die du dir bei Interesse anhören kannst. Auf diese Weise kannst du einen lebendigen Eindruck gewinnen und dir selber ein Bild machen über die Möglichkeiten und Grenzen dieser App.

Für die Tonaufnahmen habe ich meine Ray-Ban-Brille als Headset benutzt und an die Bügel der Brille meine OK-Mikrofone geklemmt. Leider kann die Kamera der Brille nicht oder noch nicht für die ScribeMe App genutzt werden. Die App nutzt die Kamera des iPhones. Und damit ich das iPhone nicht ständig vor meiner Brust halten muss, beschloss ich als ersten Schritt, mir eine Halterung zu besorgen, mit welcher ich das Gerät an einer Kordel um den Hals tragen konnte. Also führte mich mein Weg zum Interdiscount. Und dabei entstand meine erste Aufnahme, noch mit dem Gerät in der Hand.

 

1. Mein Gang zum Interdiscount und meine ersten Aufträge

Ich muss noch sagen, dass ich für die Nutzung der App ein Monatsabo gelöst habe, was mich Fr. 18.00 gekostet hat. Dies ist ein namhafter Preis, doch wenn di App hält, was sie verspricht, ist es den Preis wert.

Der Start der Live-Funktion ist einfach. Man braucht nur im entsprechenden Tab die Taste «Live» zu aktivieren. Danach geht es ein paar Sekunden, bis die KI-Assistentin sich meldet. Es ist anfänglich etwas verwirrend, dass nach dem Start die Meldung „Ende“ folgt. Doch das entspricht der Logik, dass die Live-Taste durch das Aktivieren zur Beenden-Taste wird.

Audiobeispiel 1: Start der App und erster Eindruck

2. Im Geschäft – gute Beschreibungen, aber immer ein wenig hintendrein

Da der Interdiscount die gewünschte Hülle nicht führte, versuchte ich mein Glück bei der MobileZone. Da wurde ich fündig und wurde auch freundlich bedient. Die Wartezeit verkürzte mir ScribeMe mit allerlei Schilderungen. Es war fast so, als könnte ich selber im Laden herumblicken. Während ich dann selber bedient wurde realisierte ich, dass die Schilderung der Szene nicht schlecht ist, aber stets einen Tick zu spät kommt.

Audiobeispiel 2: Im Geschäft: gute Schilderung, jedoch nicht ganz on-time!

3. Und zurück nach Hause – gar nicht mal so übel!

Auf dem Heimweg konnte ich dann das iPhone mit der neu erworbenen Kordel um den Hals auf der Brust tragen und hatte die Hände frei für den Stock und das Tasten. Die Halterung besteht aus einem dünnen Plättchen, welches man zwischen iPhone und Case legt und durch die Ladeöffnung im Case ragt ein kleiner beweglicher Ring heraus, an welchem die Kordel mit einem Sicherheits- oder Karabinerverschluss befestigt werden kann. Das Einstecken des Ladekabels ist damit nicht behindert. Ich musste für meinen Zweck das iPhone so auf der Brust platzieren, dass die rückwärtige Kamera nach vorne zeigt. Das erwies sich jedoch als unpraktisch, da der berührungsempfindliche Bildschirm auf diese Weise gegen meine Brust zeigte und durch meine Bewegungen ständig ungewollte Aktionen  ausgelöst wurden. Ich habe  deshalb das iPhone im Case umgedreht, d.h. mit der Kamera nach oben und mit dem Bildschirm nach unten gegen den Boden des Cases. Der Bildschirm war dadurch vor ungewollten Berührungen geschützt und durch die Aussparung für die Kameras blieb dennoch ausreichend Platz, um das iPhone mit Tipp- und Wischgesten zu steuern. Eine ideale Lösung für diesen Zweck!

Nach dem Herumpröbeln mit der Platzierung des iPhones war es dann nicht mehr weit, bis zu Hause. Und den Eingang konnte die KI tatsächlich erkennen. Blosses Anfängerglück?

Audiobeispiel 3: Sage mir, wenn du den Eingang siehst

4. X-mal gedreht und immer noch verkehrt!

Am zweiten Tag klappte nicht mehr alles so gut, wie am ersten! Schon der erste Test mit dem «Eingang suchen» endete mit einem Hänger. Trotz mehrmaligen Drehens behauptete die KI, dass das Bild immer noch auf dem Kopf stehe. Ich vermute, dass das Bild eingefroren war und gar keine neuen Bilder gemacht worden sind. Es half nur ein Neustart.

Audiobeispiel 4: X-mal gedreht und immer noch verkehrt!

5. Und auf geht’s zum Bahnhof!

Ich bin sehr häufig zum Bahnhof unterwegs. Darum lag es auf der Hand mal zu schauen, welche Hilfestellungen mir die App dabei bieten kann. Und da entdeckte ich plötzlich, dass die App auch über eine Navigationsfunktion verfügt. Das ist ja super, dachte ich.  Doch leider bleiben  nach dem Start der Navigation weitere Hinweise für eine relativ lange Zeit aus. Und auch die Warnung vor Hindernissen erfolgte danach teilweise überhaupt nicht mehr. Und dass die Informationen häufig verspätet eintreffen, sorgt ja auch nicht gerade für Vertrauenswürdigkeit. Immerhin hat die KI die Busnummer und das Fahrziel korrekt erkannt, auch wenn der Bus wohl längst abgefahen wäre, bevor die Information zum Auffinden der Einstiegstür erfolgte.

Audiobeispiel 5: Auf dem Weg zum Bahnhof

6. Verzweifelte Suche nach dem Treppenabgang

Beim Aufsuchen des Treppenabgangs in die Bahnhofunterführung hat mich dann die KI so richtig an der Nase herum geführt. Zuerst tönte es einleuchtend, dann aber musste ich feststellen, dass die KI phantasiert – im Fachjargon heisst das «halluziniert».

Audiobeispiel 6: Wo ist der Treppenabgang?

7. Und jetzt wird’s echt gefährlich!

Beim nächsten Test hatte ich Glück oder vielleicht auch einen guten Schutzengel. Die KI sagte mir, dass ich mich auf einem Perron befände mit wartenden Personen und einem Zug. Meine Frage, ob sie auch einen Eingang zum Zug sehe, beantwortete sie mit «Ja». Ich müsse nur geradeaus gehen. Ich befolgte diesen Hinweis, war aber, weil ich mich auf einem Bahnsteig befand, vorsichtig. Und das war klug!  Denn der Zug,  den die KI sah, war einige Geleise entfernt von mir Und ich befand mich schon nach wenigen Schritten am Bahnsteigrand.

Auch bei der anschliessenden Strassenüberquerung bei der Fussgängerampel informierte mich die KI mehrmals falsch. Dass man sich nicht blindlings auf die KI verlassen kann, war mir schon klar. Aber die beiden Beispiele waren schon etwas krass!

Audiobeispiel 7: Blindes Vertrauen kann lebensgefährlich sein

8. Gemischte Erfahrungen auf dem Weg nach Hause

Auf dem Heimweg erfuhr ich erneut, dass die App nach dem Start der Navigation verstummt. Da half nur ein Neustart. Danach bestand die Herausforderung darin, mich über einen Platz zu lotsen und danach den Eingang zur Fussgängerbrücke über die Aare zu finden. Immerhin hat sie die Brücke erkannt, wenn ich dann auch ca. 2 Meter daneben auf die Quaimauer stiess. Die Navigation führte mich dann ziemlich genau vor meinen Hauseingang, aber eben doch nicht ganz so genau, dass ich einfach hätte eintreten können. Ich ging etwas zu weit und kehrte dann wieder um. Das hat  die KI zwar erkannt, doch sie war nicht in der Lage, die Anweisungen für den Hauseingang entsprechend anzupassen und ortete ihn demnach auf der falschen Seite. Auch bei andern Gelegenheiten hatte ich bemerkt, dass die KI ihre Hinweise nicht auf die aktuelle, sondern eine vorangegangene Situation bezog. Auch die Verwechslung von links und rechts ist auch vorher schon mal passiert.

Audiobeispiel 8: Gemischte Erfahrungen auf dem Heimweg

9. Trotz viel Geduld am Ziel vorbei

Die Navigation zum Bahnhof ist in meinem Fall leicht: Es geht alles geradeaus. Darum wollte ich die Navigationunterstützung von ScribeMe noch einmal mit einem etwas anspruchsvolleren Weg erkunden. Am Ziel bin ich leider nicht angekommen. Die App führte mich in einem grossen Bogen darum herum und schliesslich gaben wir beide auf. Was sich auch hier wieder gezeigt hat: Die KI gibt manchmal klare Anweisungen, die sehr überzeugt klingen, doch in Wahrheit sind sie falsch.  Und auch wenn die App oft auf Hindernisse hinweist, so reagiert sie dennoch nicht, wenn ich zum Beispiel direkt auf eine Hauswand zu gehe. Mein Glaube an die Navi-Fähigkeit dieser App ist mit diesem Versuch mehr als nur angekratzt worden!

Audiobeispiel 9: Die Navigation – nicht wirklich eine zuverlässige Hilfe

10. Mein persönliches Fazit

Ich teste gerne neue Anwendungen. Das immer in der Hoffnung, dass sie uns blinden und sehbehinderten Personen einen neuen Grad an Selbständigkeit und Freiheit bieten. Was ScribeMe anbelangt muss ich sagen: Die App verfolgt den richtigen Ansatz. Sie ist aber noch ein gutes Stück davon entfernt, das einzulösen, was sie verspricht. Denn ihre «in Echtzeit» ist halt häufig einen Tick zu spät oder es erfolgt gar keine Warnung.  Und das kann in gewissen Situationen verherend sein. Was mir gut gefallen hat, sind die Beschreibungen, zum Beispiel des Ladeninnern. Ich hatte da wirklich den Eindruck ich würde selber etwas herum blicken. Und unterwegs fühlt sich die KI an, als wäre man nicht allein unterwegs, sondern von einer charmanten jungen, wenn auch nicht immer so zuverlässigen  Dame begleitet. Doch wie man dies empfindet, ist zugegebenermassen Geschmackssache. Doch für die Auswahl der Begleitung stehen immerhin 3 weibliche und 3 männliche Stimmen zur verfügung.

Des weitern muss ich noch darauf hinweisen, dass ich nicht alle Funktionen der App, sondern nur die Live-Assistenz getestet habe. Als weitere Funktionen kannst du für die Personenerkennung freigegebene Fotos hochladen und Bilder und Texte analysieren lassen. Doch das können wie gesagt andere Apps auch schon bereits.

Ob ich mein Abo nach Ablauf des ersten Monats verlängern werde, ist zur Zeit noch ungewiss. Das hängt nicht zuletzt davon ab, ob die App  zwischenzeitlich weiter entwickelt wird. Und dann soll ja die App in bälde auch mit den Meta-Brillen nutzbar sein, auf die gleiche Weise, wie das bereits bei Be My Eyes der Fall ist.  Ich werde die Entwicklung beobachten und informieren, sobald es signifikante Verbesserungen gibt. Und solltest du die Benachrichtigung über neue Beiträge auf der Apfelschule-Seite  noch nicht abonniert haben, so kannst du das mit nachstehendem Link tun. So verpasst du keine Neuigkeiten mehr! Informiert bleiben abonnieren

Und zum Schluss wie immer meine Bitte: Wenn du lieber Leser, liebe Leserin eigene Erfahrungen mit der App gemacht hast, so teile sie doch bitte mit uns. Du kannst dazu das untenstehende Kommentarfeld nutzen.

Und wenn du dich auch dafür interessierst, welche konkreten Hilfestellungen die Ray-Ban Meta Brillen leisten, so findest du unter nachstehendem Link verschiedene Beispiele.

Anwendungsbeispiele für die Ray-Ban Meta Brille  

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