Urs Kaiser ist blind und weiss mit dem Smartphone umzugehen. Er ist Gründer der Apfelschule, wo blinde und sehbehinderte Menschen den Umgang mit iPhone und iPad üben. Die Technik erhöht die Selbständigkeit der Betroffenen.

An diesem Samstagvormittag ist bei den Blinden und Sehbehinderten Bogenschiessen angesagt. Zwei Lautsprecher und ein Smartphone wurden für das Computerspiel auf einem Tisch platziert. Eine Gruppe blinder und sehbehinderter Personen hat sich um den Schützen versammelt. Ein Rauschen zeigt diesem an, wann er den virtuellen Bogen loslassen muss. Der Ton pendelt von einem Lautsprecher zum anderen. Erreicht er die Mitte, ist es Zeit zu schiessen. Der blinde Schütze lässt sein Smartphone los, der virtuelle Pfeil zischt ab  und trifft mitten ins Schwarze. „Fünf Punkte“, sagt eine Stimme aus dem Lautsprecher. Urs Kaiser, der blinde Schütze, ist mit dem Schuss zufrieden.

Mehr Selbständigkeit

Ob Computerspiele wie virtuelles Bogenschiessen oder alltägliche Tätigkeiten wie lesen oder schreiben. Smartphones leisten heutzutage für blinde und sehbehinderte Personen wichtige Dienste. „Ihr Vorteil liegt in ihrer vielfältigen Verwendbarkeit“, sagt Urs Kaiser. Wenn der 65-Jährige sein Smartphone bedient, geht alles ruck zuck.  SMS schreiben, Termine eintragen, Zugverbindungen heraussuchen, die Tageszeitung lesen oder Radio hören ‑  der Rentner kennt sich aus mit seinem iPhone. „Smartphones und Tablets erhöhen unsere Selbständigkeit“, sagt Kaiser. Sein Ziel ist es darum, anderen Blinden und Sehbehinderten die Vorzüge der Technik näherzubringen. Vor einem Jahr hat er deshalb die sogenannte Apfelschule gegründet. Die Schule wurde so benannt, weil ausschliesslich Geräte vom Hersteller Apple verwendet werden. Am vergangenen Samstag feierten die Mitglieder das einjährige Bestehen ihres Netzwerks. Unterstützt wird die Apfelschule vom Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverband (SBV).

Sicher ans Ziel

60 Kurse und Einzelstunden in der ganzen Schweiz wurden seit der Gründung durchgeführt. Mehr als 170 blinde und stark sehbehinderte Personen haben sich mit der Bedienung von iPhone und iPad vertraut gemacht. Das Alter der Teilnehmer reicht von 18 bis 84 Jahren. Urs Kaiser und seine ehrenamtlichen Kursleiter reisten zu den Teilnehmern und erklärten ihnen, wie Bedienungshilfen wie VoiceOver zu bedienen sind. Für Ungeübte ist dies gar nicht so einfach. Rund 30 Gesten müssen gelernt werden um die Lese- und Steuerungsmöglichkeiten des Geräts auszuschöpfen. Zoomen, Textgrösse anpassen, die Farben Schwarz und Weiss umkehren ‑ Kursleiter Hans Schneuwly zeigt,  wie das iPhone einem Sehbehinderten das Leben erleichtern kann. „Solche Anwendungen erleichtern uns den selbständigen Informationszugang“, sagt Schneuwly.

Auch in einem anderen Lebensbereich bietet die Technik Blinden und Sehbehinderten Hilfe – in dem der Mobilität. „Wo bin ich und wie gelange ich ans Ziel“, ist laut Urs Kaiser die zentrale Frage für blinde Menschen die unterwegs sind. Navigationshilfen wie MyWay werden immer raffinierter. Hindernisse wie geparkte Autos, Baustellen oder Gehwegschäden können aber auch sie nicht vorhersehen. In diesem Fall hilft nur der klassische Langstock oder ein Blindenhund. „Navigationshilfen sind lediglich eine Ergänzung“, sagt Kaiser.

Die zwei Blindenhunde unter dem Tisch scheint die Technik nicht besonders zu interessierten. Ruhig warten sie neben ihrem jeweiligen Herrchen und Frauchen, welche mit dem iPhone hantieren. „Das Smartphone ersetzt den Blindenhund nicht, die Tiere sind halt doch mehr als bloss ein Hilfsmittel“, sagt Urs Kaiser und krault den schwarzen Blindenhund zu seinen Füssen.

Tobias Marti

 

Erschienen in der „Berner Zeitung“ am 26.8.2013

 

Link zum Artikel mit Bild:

http://www.bernerzeitung.ch/region/bern/Das-iPhone-verhilft-Sehbehinderten-zu-mehr-Selbststaendigkeit/story/21264214

 

Bildunterschrift:

Virtuelles Bogenschiessen: Urs Kaiser übt mit Jessica Seiler