Aus Tages-Anzeiger Digital vom 19.12.2012

 

«Das iPhone bezahlen wir nicht»

Von Yves Kilchör. Aktualisiert am 19.12.2012 44 Kommentare

Das Apple-Smartphone ist für Blinde und Sehbehinderte die wichtigste Hilfe im Alltag. Doch die IV tut sich mit der Anerkennung von Smartphones als Arbeitsgerät schwer.

«Wenn ich nur kurz lesen oder die Details nicht erkennen muss, benutze ich die Vergrösserung, bei längeren Texten die Sprachausgabe»: Das iPhone ist für viele Behinderte ein Segen.
Bild: Reuters

 

Hans Schneuwly sitzt in seiner Wohnung im freiburgischen Düdingen am Esstisch, vor sich eine Tasse Kaffee. In seiner rechten Hand hält er ein iPhone und checkt die E-Mails, die er in den letzten Stunden erhalten hat. Anschliessend klickt er sich durch den Kalender, um sich die Tagestermine in Erinnerung zu rufen.

Eine Szene, wie sie jeden Tag in der Schweiz passiert? Nicht ganz: Das iPhone spricht pausenlos. Das muss es auch, denn Schneuwly – Geschäftsführer eines Beratungsunternehmens für Hilfswerke – sieht nur zwischen fünf und zehn Prozent und nutzt die auf dem iPhone installierte Sprachausgabe und Vergrösserungssoftware. Die entsprechende Hilfe wählt er situativ aus: «Wenn ich nur kurz lesen oder die Details nicht erkennen muss, benutze ich die Vergrösserung, bei längeren Texten die Sprachausgabe.»

Und die Sprachausgabe von Android?

Sein Ziel sei es, so effizient wie möglich zu sein und gleichzeitig die Augen so wenig wie möglich zu belasten. «In meinem Arbeitsalltag gibt es viele Tätigkeiten, die ich nur mit den Augen machen kann. Deshalb schone ich sie in der Freizeit und nütze da die Sprachausgabe meines Smartphones», sagt Schneuwly.

Für blinde und sehbehinderte Menschen bietet das iPhone eine grosse Chance: Nur das iPhone? Jein. «Die Sprachausgabe der Android-Handys hat aufgeholt, ist jedoch noch nicht mit dem iPhone vergleichbar», sagt Jürg Cathomas, IT-Berater beim Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverband. Auch bei anderen Anbietern sei kaum Passables in Sicht.

«Ich fliege durch die Zeitungen»

Schneuwly hat inzwischen seine Wohnung verlassen und ist auf dem Weg zum Bahnhof. Im Zug liest er dann mit Sprachausgabe Zeitung übers Internet. «Ich fliege während meiner Zugfahrt durch die Zeitungen und bin so bestens informiert.» Das Smartphone wird so für ihn – und für viele der schätzungsweise 100'000 Sehbehinderten in der Schweiz – zum medialen Türöffner.

Der Freiburger kann nicht nur Zeitung lesen, sondern auch jederzeit den Fahrplan abrufen, Notizen aufsprechen oder Wege finden. «Ich suche die Adresse meiner Kunden in der Telefonbuch-App und gebe sie in der Navigationssoftware ein. Diese leitet mich dank Fussgängermodus bis zum Kunden», erklärt Schneuwly. Über die Funktechnologie Bluetooth vernetzt, können Sehbehinderte weitere Hilfsmittel nützen. Auch für medizinische Zwe target="_blank">

So wie die 65-jährige Rita Nussbaumer aus Wisen SO. Sie ist blind und hat seit ein paar Wochen ein iPhone. Mit dem Gerät will sie selbstständig wandern. Bis es aber so weit ist, muss Nussbaumer das Gerät erst kennenlernen. «Es braucht schon immer wieder Überwindung hinzusitzen, manchmal stundenlang, bis man wieder etwas kann. Ich will es können.»

«Das iPhone bezahlen wir nicht»

Schneuwly ist da schon weiter. Der Freiburger kann auch bei seiner Arbeit nicht mehr darauf verzichten: «Ich benutze es als einziges Telefon, weil es noch kein Festnetztelefon mit Sprachausgabe gibt. Ich habe Zugang zu allen Informationen wie zu den Kontakten und zum Kalender.» Dank des Geräts hat er seinen Arbeitsplatz besser auf seine Bedürfnisse angepasst.

In der Regel kommt die Invalidenversicherung für solche Anpassungen auf – aber nicht in diesem Fall. «Das iPhone bezahlen wir nicht. Das gehört heute zu jedem Haushalt», meint Margot Venetz, Fachspezialistin beim Bundesamt für Sozialversicherung.

Dazu kommt, dass viele Sehbehinderte am Anfang für die Bedienung des iPhones Hilfe benötigen. Urs Hiltebrand, Geschäftsführer von Accesstech, einem Unternehmen für EDV-Lösungen für blinde und sehbehinderte Menschen, nennt das Gerät deshalb auch «Supportgenerator». Für iPhone-Einführungen wird seine Firma von der IV jedoch nicht bezahlt.

Dennoch kein Alleskönner

Hiltebrand glaubt nicht, dass das iPhone alle Hilfsmittel für Blinde und Sehbehinderte ablösen kann. Optimistischer tönt es bei Stephan Mörker vom SZB. Die spezifischen Hilfsmittel würden sich immer mehr in den Massenmarkt verlagern. Bis es so weit ist, dauert es wohl noch ein Weilchen. Für den bekennenden iPhone-Fan Schneuwly ist das Gerät kein Alleskönner. Beispielsweise liefert die Farberkennungssoftware, die er beim Auswählen des passenden Hemds braucht, jedes Mal ein anderes Resultat. Deswegen muss er ein Hardwaregerät benutzen, das mehrere Hundert Franken gekostet hat. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.12.2012, 10:50 Uhr

Kommentare

Kommentar von Urs Kaiser, Apfelschule

Aus meiner Sicht muss die IV die iPhones nicht bezahlen, doch die Kosten für die Schulung sollte sie übernehmen, denn das Erlernen des Umgangs mit einem touchscreen-gesteuerten Gerät erfordert von einem blinden Menschen doch ein hohes Mass an Lernaufwand. Eine zweckmässige Anleitung unter Berücksichtigung der blindenspezifischen Methoden kann den Anwendungserfolg bedeutend steigern, wenn nicht gar erst ermöglichen. Die Apfelschule leistet hier Pionierarbeit. Der Zugang zu einer fundierten Beratung und Schulung bei der Nutzung der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien gehört aus meiner Sicht zu den Grundpfeilern eines Rehabilitationsunterrichts und damit auch zu den von der IV mitfinanzierten behinderungsbedingten Rehabilitationsleistungen.