In der Juniausgabe 2014 der Zeitschrift des US-Amerikanischen Blindenverbandes National Federation oft he Blind, "The Braille Monitor", hat der Technologie-Experte Curtis Chong einen Artikel veröffentlicht: "What is good about the iPhone and what is not" (Was ist gut am iPhone und was nicht). Dieser Artikel hat mich angeregt, den folgenden Beitrag zu schreiben. Er bildet - neben meinen eigenen Erfahrungen - auch die Grundlage dieses Artikels.

 

Mir wird sehr häufig die Frage gestellt: "Brauche ich ein iPhone" oder "Ist das iPhone das richtige für mich?" Die einfachste und zutreffende Antwort auf diese Frage ist natürlich: "Es kommt darauf an, was du damit machen willst." Ausgehend davon kann man dann schnell in die Details gehen.

 

Gelegentlich sind unter denjenigen, die meinen Rat suchen, auch Personen, die gehört haben, das iPhone sei ein Alleskönner; sie wollen eines haben, ohne überhaupt zu wissen, was das iPhone eigentlich genau ist.

 

Mein Artikel soll als Entscheidungshilfe für diejenigen dienen, die sich die eben erwähnte Frage stellen. Er kann aber auch uns als iPhonebegeisterte Anwender dazu anregen, wieder einmal über das Für, aber auch Wider unseres Hosentaschencomputers nachzudenken.

 

Hat man überhaupt Alternativen?

Eine Zeit lang sah es so aus, als ob es für blinde Menschen kaum noch eine Alternative zum iPhone gäbe. Das Betriebssystem (Symbian), auf dem die von unserem Personenkreis genutzten ScreenReader für Natels bzw. Handys lief, wurde zum Auslaufmodell. Tragbare Telefone, die speziell für blinde und sehbehinderte Menschen oder für Senioren entwickelt wurden, waren kaum auf dem heutigen Stand der Technik mit den daraus resultierenden Nutzungsmöglichkeiten.

 

Hier ist ein Wandel eingetreten: Es gibt speziell entwickelte Geräte, die auch Ansprüchen an die moderne Kommunikation weitgehend genügen. Die Zugänglichkeit von Geräten, auf denen das Betriebssystem Android läuft, wird immer besser und auch Microsoft und verbunden damit neue Nokia-Smartphones holen in Puncto Zugänglichkeit wieder auf.

 

Da ich diese Geräte und Betriebssysteme aber nicht selbst getestet habe, beschränke ich mich nur auf deren Erwähnung und kann keine Vergleiche Anstellen.

 

Vorteile des iPhones

 

1. Das iPhone wurde für die Allgemeinheit entwickelt; es wurde aber so konzipiert, dass es auch von Menschen mit Behinderungen, darunter auch Blinde und Sehbehinderte, genutzt werden kann. Das wird durch den eingebauten ScreenReader VoiceOver ermöglicht, der in das Betriebssystem des iPhone integriert ist. Dadurch ist es nicht mehr notwendig, zusätzlich zum Handy noch ein teueres Programm zu kaufen, das uns die Bedienung des Geräts ermöglicht. Das hat auch sehr praktische Vorteile: Tritt an einem neuen Gerät ein Fehler auf, kann man ohne weitere Umstände ein Austauschgerät erhalten und sofort bedienen.

2. Dadurch, dass es sich beim iPhone um ein gut bedienbares Produkt handelt, das für die Allgemeinheit entwickelt wurde, steht eine grössere Anzahl an Anwendungen (Apps) für uns zur Verfügung, als man dies bei einem Produkt einer Hilfsmittelfirma erwarten könnte. Dem entsprechend sind diese Anwendungen auch wesentlich preiswerter als vergleichbare Produkte einer Hilfsmittelfirma. Ich weise allerdings darauf hin, dass nicht jede App, die fürs iPhone und ähnliche Geräte entwickelt wird, automatisch für uns bedienbar wäre. Die Erfahrung lehrt aber, dass Entwickler von Apps, die auch für uns nützlich sein könnten, sehr häufig gewillt sind, beim nächsten oder übernächsten Update ihres Programms die Barrierefreiheit zu berücksichtigen.

3. Das iPhone ist weit mehr als nur ein Telefon; es ist ein kompakter, tragbarer Computer. Dank der bereits erwähnten Apps kann es sogar spezielle Hilfsmittel, die wir früher vielleicht mit uns führen mussten, ersetzen oder überbieten. Darauf gehe ich in den folgenden Punkten näher ein. Gleich hier sei aber auch vermerkt, dass es Gebiete gibt, auf denen das iPhone noch nicht mit spezialisierten Hilfsmitteln mithalten kann, z.B. bei der Farberkennung.

4. Das iPhone ermöglicht es, auf Dienste zuzugreifen, die über das Internet verfügbar sind, soweit es entsprechende Apps gibt. Dazu gehören: Lesen von Webseiten, Lesen, beantworten und Verwalten von Emails, Telebanking, Radiohören und Sendungen aufzeichnen, Fernsehsendungen schauen und aufzeichnen, Zeitunglesen, Musik hören, kaufen und Verwalten; Zugriff auf Wetterinformationen, Lesen elektronischer Bücher, Austausch von Dokumenten mit anderen Nutzern.

5. Das iPhone informiert uns, wer uns gerade anruft; wenn wir die Nummer bereits gespeichert haben, wird der Name des Anrufers genannt, ansonsten seine Nummer, soweit sie nicht unterdrückt wird. Auch weitere Anrufoptionen sind verfügbar, allerdings mühsam, da sie nicht deutlich zu hören sind, wenn der "Hörer" des iPhones bereits in Betrieb ist.

6. Mit dem iPhone kann man die Liste der ein- und ausgegangenen Anrufe auslesen und verwalten - einschliesslich der Möglichkeit, mit einem Rückruf auf entgangene Anrufe zu reagieren.

7. Das iPhone verfügt über einen "persönlichen, sprachgesteuerten Assistenten" (Siri), dem man Texte diktieren, verschiedene Fragen stellen, aber auch Befehle geben kann wie z.B. das Anlegen eines Termins, das Anrufen eines Kontaktes oder einer Telefonnummer, das senden von SMS, Mails, das Starten einer App und mehr. Man kann sogar wählen, ob man einen Assistenten mit männlicher oder eine Assistentin mit weiblicher Stimme nutzen möchte.

8. Das iPhone besitzt einen GPS-Empfänger. Es gibt eine Reihe von NavigationsApps, mit denen man sich zu einem gewünschten Ziel lotsen lassen kann. Teilweise sind dies Anwendungen, die speziell für die Bedürfnisse blinder und sehbehinderter Anwender geschrieben wurden und sich mit anderen, für den allgemeinen Markt entwickelten Apps kombinieren lassen.

9. Das iPhone verfügt über einen von uns nutzbaren Kompass.

10. Es gibt Apps, mit deren Hilfe man unterschiedliche Währungen, einschl. Dollars und Euros, aber leider noch keine Schweizer Franken, identifizieren kann.

11. Auf dem iPhone kann man sehr gut Musik hören und verwalten. Dabei können die Informationen über den derzeit laufenden Titel bzw. das Album, auf dem er sich befindet, abgefragt werden. Dies ist auch bei vielen Radiosendern möglich, wobei man fürs Radio zusätzliche Apps herunterladen muss. Es gibt auch Anwendungen, die dabei helfen, Musiktitel zu identifizieren.

12. Mit dem iPhone kann man elektronische Bücher lesen; dazu gehören auch Kindlebücher von Amazon.

13. Mit dem iPhone kann man Hörbücher hören; das schliesst Hörbücher von Audible, aber auch Hörbücher im Daisyformat, ein.

14. Mit dem iPhone können auch blinde Menschen fotografieren. Der Autofocus informiert sogar darüber, ob sich im ausgewählten Bereich ein Gesicht befindet.

15. Mit dem iPhone und einer entsprechenden App können Texte eingescannt und erkannt werden; hier empfiehlt es sich allerdings, einen der speziell fürs iPhone entwickelten Leseständer zu kaufen, der sicher stellt, dass die Kamera sich im richtigen Abstand zum Text und seinen Rändern befindet. Auch das Scannen von Barcodes ist möglich; Mit speziell für unseren Personenkreis entwickelten Hilfsmitteln ist es allerdings leichter, die Codes zu finden. Dafür kosten Barcode Apps entweder gar nichts oder nur einen Bruchteil von dem, was man für diese Hilfsmittel bezahlen muss.

16. Nicht zuletzt: Das iPhone wird von sehr vielen blinden und sehbehinderten Personen genutzt; das bedeutet, dass es auch genügend Personen gibt, die bei Problemen weiterhelfen können.

17. Das iPhone zeigt, dass es auch für blinde Menschen möglich ist, berührungssensitive Bildschirme (TouchScreens) zu bedienen. Damit können wir unseren sehenden Kollegen, aber auch Entwicklern von Technologie, nachweisen, dass es hierfür eine gut funktionierende Lösung gibt!

 

Nachteile des iPhones

1. Das iPhone geht häufig ins Internet, um neue Daten abzufragen oder um Updates zu machen. Nicht immer wird dies vom Anwender bemerkt. Es ist deshalb erforderlich, einen Nateltarif zu wählen, der ein ausreichendes Datenvolumen beinhaltet. Auch ein WLAN sollte verfügbar sein, da nicht alle Apps und Betriebssystem-Aktualisierungen übers Handynetz geladen werden können.

2. Es ist umständlicher, mit dem iPhone zu telefonieren als dies bei einem Handy mit einer richtigen Tastatur der Fall wäre.

3. Das Eintippen von Text auf der virtuellen Tastatur des iPhones ist mühsamer als das Tippen auf Tasten, die tatsächlich vorhanden sind. In dem Eingangs erwähnten Artikel im Braille Monitor wird auf eine Untersuchung verwiesen, nach der ein blinder Nutzer auf der Bildschirmtastatur im Durchschnitt drei Wörter pro Minute schreibt, während es nutzer von speziellen Apps zur Texteingabe in Brailleschrift (mit einem Perkins-ähnlichen, aber auch virtuellen Tastenfeld) auf bis zu 23 Wörter pro Minute bringen. Hier muss allerdings darauf hingewiesen werden, dass englischsprachige Nutzer auch Texte in Englischer Kurzschrift eintippen können, die dann in Klartext übersetzt werden. Mit der Deutschen Kurzschrift ist das nicht zufriedenstellend möglich.

4. Das iPhone erfordert gute Hand-Ohr-Koordination und ist wesentlich darauf ausgerichtet, dass man seine Rückmeldungen hören kann. Das Anschliessen einer Braillezeile ist via Bluetooth ohne weiteres machbar; ist die Verbindung jedoch unterbrochen, ist es kaum möglich, sie wieder her zu stellen, ohne die Rückmeldungen der Sprachausgabe hören zu können.

5. Die Lebensdauer einer Batterieladung liegt weit unter der unserer früheren Nokiageräte. Je nach Gebrauch muss das Gerät täglich oder öfter nachgeladen werden - vor allem dann, wenn man GPS Apps nutzt. Es gibt allerdings auch gut tragbare Akkus, mit denen man das iPhone unterwegs nachladen kann.

6. Das iPhone ist zwar sehr flach, ansonsten aber kein kleines Gerät. Schon in der zweiten Hälfte der 90er Jahre gab es Geräte, die zwar etwas dicker, ansonsten aber in der Fläche deutlich kleiner waren.

7. Das iPhone ist ein technologisch hoch-entwickeltes Gerät, das eine Menge Möglichkeiten bietet, mit denen man umgehen können muss. Wer lediglich telefonieren und vielleicht noch SMS-Nachrichten verschicken und lesen möchte, braucht kein iPhone!

8. Das iPhone ist nicht preiswert. Ohne Vertrag und je nach Ausführung kann es bis zu 1000 Franken kosten. Es sei allerdings noch einmal darauf verwiesen, dass es viel mehr ist und kann als ein einfaches Mobiltelefon.

9. Es erfordert Übung, ein iPhone zu bedienen. Viele iPhonenutzer berichten, dass sie anfänglich Zweifel hatten, ob der Kauf eines iPhones die richtige Entscheidung war. Das gilt in besonderem Masse für das Beginnen, annehmen und erst recht für das beenden eines Anrufes. Nicht immer gelingt diese eigentlich einfache Geste auf Anhieb.

10. Die Bedienung des iPhone erfordert eine gute Feinmotorik. Personen, die hiermit Schwierigkeiten haben oder sich keinen rechten Überblick über den Bildschirm machen können, werden am iPhone wahrscheinlich wenig Freude haben.

11. Das iPhone hat - im Gegensatz zu vielen klassischen Mobiltelefonen - kein eingebautes Radio für den terrestrischen Empfang. Man benötigt deshalb hierfür Zusatzgeräte, die ans iPhone gesteckt werden können oder man hört Radio übers Internet. In ersterem Fall muss man darauf achten, ob die zur Bedienung des zusätzlichen Radios erforderliche App unter VoiceOver möglich ist; beim Internetradio, wo man ebenfalls auf die Barrierefreiheit der entsprechenden Apps achten muss, fallen unter Umständen erhebliche Kosten für das verbrauchte Datenvolumen an.

 

Fazit

Das iPhone ist nicht automatisch die erste Wahl für einen blinden oder sehbehinderten Menschen, der sich ein neues Natel zulegen will oder muss. Bevor du dir eines zulegst, überlege dir deshalb gut, welche Funktionen du nutzen möchtest und ob dir ein einfacheres Gerät genügt. Informiere dich genau bei Personen, die bereits ein iPhone in Betrieb haben. Und vor allem: Wende dich an die Apfelschule (www.apfelschule.ch), wenn du einen Einführungskurs wünschst, bei dem du mit einem iPhone ausprobieren kannst, ob du damit zurecht kommst.